Festvortrag auf dem Jahreskongress des ÖGD in Hamburg am 29. April 2010

Der Öffentliche Gesundheitsdienst im Wandel

Sie haben mich gebeten, Ihnen einen Festvortrag zu halten. Das Das Generalthema Ihres Kongresses lautet: „Der Öffentliche Gesundheitsdienst im Wandel“ . Es soll das alte „Panta rhei“ – alles ist im Fluss – aufgreifen und eigentlich die positive Botschaft vermitteln, dass im Wandel immer ein Neuanfang und eine Chance liegen. Dabei ist mir eines klar: Es hieße sicher Eulen nach Athen tragen, würde ich mir hier anmaßen, Ihnen etwas über den rasanten Wandel des Öffentlichen Gesundheitsdienstes zu erzählen.

Wer, wenn nicht Sie, könnte plastisch und aus eigenem Erleben diese Veränderungen beschreiben.

Aber, lassen Sie mich eingangs noch sagen, mir ist eigentlich gar nicht nach einem „Festvortrag“ zu Mute. Festvortrag klingt nach geistig-sittlicher Erbauung und schönen Worten. Ich aber will von der Beschreibung der Situation her nicht erbauen, sondern Probleme ansprechen, Lösungen diskutieren, den Diskurs voran bringen.

Und so kann ich nicht umhin, vor der Befassung mit dem Öffentlichen Gesundheitsdienst auch die drängendsten Probleme von heute anzusprechen. Und Sie werden dabei erkennen: auch wenn diese Probleme noch nicht den ÖGD erkennbar betreffen, sie werden es in kurzer Zeit mit Sicherheit tun.

Ich meine die Auswirkungen der Wirtschaftskrise, die Bankenkrise und ihrer Bewältigung und schließlich den drohenden Staatsbankrott dreier Länder aus der EURO-Zone. Ich will Ihnen dabei keinen wirtschaftstheoretischen Vortrag über die Hintergründe oder die fiskalischen Lösungen halten – das könnte ich auch gar nicht. Ich bin nur der festen Überzeugung, das alles wird auch Auswirkungen auf uns haben. Auf Sie – auf mich, auf unser soziales Gemeinwesen.

Wir alle befassen uns mit der „letzten Wiese“ der Gesellschaft. Den Kranken, den Armen, den Fremden. Wir stellen als Ärzte dabei nicht die Frage nach der Schuld für Armut oder Krankheit. Unsere Aufgabe ist es, dem Menschen, der vor uns steht oder liegt zu helfen. Und da stellen wir fassungslos fest, dass wir in unserer Gesellschaft, die doch so von Reichtum, Überfluss und Verschwendung geprägt ist, längst eine Debatte über Priorisierung, Rationierung und Rationalisierung führen müssen, während zeitgleich unvorstellbare Summen in den Erhalt betrügerisch marode gemachter Banken gepumpt werden. Schlimmer noch, das Fälschen staatlicher Bilanzen scheint zu einem Kavaliersdelikt zu werden, dessen Folgen für die Betrüger nicht einmal annäherungsweise zu vergleichen sind mit den Folgen des Absturzes eines in seinen besten Jahren stehenden mittleren Verwaltungsangestellten in die Wirklichkeit von „Hartz 4“.

Wir scheinen vollkommen die Proportionen verloren zu haben. Wir reden uns und den Menschen ein, dieses Leben auf Pump könnte immer so weitergehen. Wir stellen ungedeckte Wechsel auf die Zukunft unserer Kinder aus. Und gleichzeitig scheuen wir uns, den Menschen reinen Wein einzuschenken. Die Demonstrationen der Bürger in Griechenland sind beredtes Beispiel dafür. Man meint, den Staatsbankrott mit öffentlichem Boykott abwenden zu können – dabei macht man damit alles nur noch schlimmer.

Aber wie sollen Menschen das auch erkennen, denen man einredet, alles könne so weiter gehen, die sehen, wie sich andere ungeniert bedienen und deren Ahnungslosigkeit von der Politik dann noch mit fragwürdigen Versprechungen gefüttert wird.

Meine Damen und Herren, der eine oder andere tut ja so, also hätten wir diese Krise schon überwunden. Ich glaube das ist falsch. Die wahre Krise ist noch überhaupt nicht bei uns angekommen. Wenn die aber ankommt, wird sie auch bei uns zu Arbeitslosigkeit, Verarmung und menschlichem Leid führen. Und dann, liebe Kolleginnen und Kollegen, dann sind wir dran. Dann werden wir gefordert sein. Und zwar im traditionellen kurativen System genauso wie im Öffentlichen Gesundheitsdienst.

Und damit bin ich dann beim Thema: ÖGD und Wandel.

Die klassischen Aufgaben des Öffentlichen Gesundheitsdienstes wie Medizinal- und Apothekenaufsicht oder intensive Gutachtertätigkeit treten heute zurück hinter die brennenden Fragen moderner öffentlicher Gesundheitsfürsorge.

Ihre Aufgaben heute liegen vor allem in der Politikberatung, dem Gesundheitsschutz, der Umwelt- und Kommunalhygiene und der Prävention.

Politikberatung – das lassen Sie mich klarstellen – ist hier nicht parteipolitisch gemeint. Vielmehr geht es um die Aufklärung der politischen Entscheidungsträger, damit Bund, Länder und Kommunen die richtigen Entscheidungen treffen. Gesundheitsberichterstattung ist eine entscheidende Stellgröße für Entscheidungen. Wie oft erleben wir in letzter Zeit, dass Politik und Öffentlichkeit schnelle Entscheidungen zu gesundheitlichen Problemen einfordern – am liebsten noch bevor die wissenschaftlichen Erkenntnisse überhaupt vorhanden sind. Das haben wir gerade alle an der Neuen Influenza am eigenen Leibe erlebt.

Aber wir sollen nicht nur Erkenntnisse liefern, bevor die Fakten da sind, wir haben es oft auch mit dem Wunsch nach „Botschaften“ zu tun. Wie sehr bedauern wir Ärzte alle die Faktenresistenz mancher politischer Gremien. Der Öffentliche Gesundheitsdienst ist der Wissenschaft verpflichtet, nicht einer gesellschaftlichen oder parteipolitischen Ideologie.

Wie wichtig ist es daher, dass wir alle gemeinsam endlich eine Gesundheitsberichterstattung aufbauen und fortführen, die aus interessengeleiteten Entscheidungen wissensbasierte macht. Hier sehe ich  eine zentrale Aufgabe Ihrer Berufsgruppe. Und die kann nicht vom Robert Koch Institut allein geleistet werden, die muss von allen Mitarbeitern des Öffentlichen Gesundheitsdienstes gemeinsam getragen sein.

Daher hat der Öffentliche Gesundheitsdienst insbesondere in den Kommunen eine analysierende, planende, koordinierende und evaluierende Aufgabe in enger Abstimmung mit institutionellen Anbietern und lokalen Initiativen und Selbsthilfeaktivitäten. Dazu wurde in den letzten Jahren in einigen Bundesländern das Steuerungsinstrument der kommunalen Gesundheitsberichterstattung etabliert, die eine wichtige Beratungs- und Entscheidungsgrundlage für das effektive Arbeiten der Kommunalen Gesundheitskonferenzen ist. Das System der infektionshygienischen Überwachung von Gemeinschafts- und Gesundheitseinrichtungen wurde konzeptionell erweitert zur Qualitätssicherung und -verbesserung.

Nicht nur im Bereich des Gesundheitsschutzes und der Gesundheitshilfen haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten der Anforderungskatalog und die fachlichen Verpflichtungen im ÖGD erheblich geändert. Neuen hoch ansteckenden Krankheiten ist koordinierend vorzubeugen, ein Beispiel war die  Lungenkrankheit SARS. Die Influenza-Pandemieplanung („Vogelgrippe“) beschäftigte Wissenschaftler und Fachorganisationen weltweit bis hin zum örtlichen Gesundheitsamt.

Und hier muss man sicher auch selbstkritisch feststellen: Wir haben uns alle, meine Person und meine Organisation, die Bundesärztekammer eingeschlossen, nicht nur mit Ruhm bekleckert. Wir haben fröhlich und manchmal sogar wagemutig unsere oft meinungs- und nicht wissensbasierten Diskussionen über Sinn oder Unsinn einer Impfung oder über Gefahr und Harmlosigkeit eines Virus geführt. Die Kakophonie aus unseren eigenen Reihen hat dazu geführt, dass die Bevölkerung am Ende gar nichts mehr geglaubt hat. Damit hat sie sich zwar, das wissen wir wohl heute, instinktiv nicht Falsches getan. Für die Glaubwürdigkeit einer staatlich verantworteten, medizinisch-wissenschaftlich gesteuerten Pandemiebekämpfung war der Ablauf aber schädlich. Stellen Sie sich nur einmal vor, wir hätten es nicht mit diesem H1N1 zu tun gehabt, sondern mit einem Virus, das die Kontagiosität der Schweinegrippe und die  Letalität der Vogelgrippe gehabt hätte.

Der Öffentliche Gesundheitsdienst hat sich in dieser Debatte übrigens, so ist es mir zumindest vor Augen, sehr verantwortungsvoll und vernünftig verhalten. Sie haben sich zu Ihren Möglichkeiten bekannt. Das heißt, Sie waren bereit die Organisation der Impfungen und der Verteilung des Impfstoffs zu übernehmen. Aber Sie haben eben auch darauf hingewiesen, dass Sie nicht alleine impfen wollten und konnten – so sahen es ja die ersten Impfverordnungen aus dem Hause Ulla Schmidt vor. Um Geld zu sparen, sollte das klassische ambulante Versorgungssystem ja außen vor gehalten werden. Sie haben viel Aufklärungsarbeit geleistet. Sie waren dabei sicher konsistenter und präziser als viele selbsternannte Experten aus Politik und Medizin, deren tägliche Äußerungen den Blätterwald ja ganz schon zum Rauschen brachten.

Ich glaube aber, wir dürfen jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Mich treibt die Sorge um, dass sich das Ganze wiederholt – nur mit einem viel gefährlicheren Erreger. Wir dürfen daher jetzt den gnädigen Mantel des Schweigens über den Sinn und Unsinn der Debatte ausbreiten, sondern wir müssen gemeinsame Lernprozesse einleiten, wie wir zukünftig ein solches bürokratisches und vor allem kommunikatives Desaster vermeiden können. Ich rege daher an, dass  wir auf Ebene der staatlichen Administration und der Selbstverwaltung analysieren, was da schief gelaufen ist und wie man es besser machen könnte. Vielleicht würde uns ja in solchen Fragen, Föderalismus hin, Föderalismus her, so etwas wie ein „Surgeon General“ aus Amerika gut tun. Ein bundesweiter Gesundheitschef, dessen Autorität „kakophoniebremsend“  wirken könnte.

Vorsorgende Planung zur Reduzierung der Gesundheitsgefahren, seien sie natur- oder menschenbedingt (Chemieunfälle oder Naturkatastrophen), seien es die Bedrohungen, die von bioterroristischen Anschlägen oder den Folgen des Klimawandels ausgehen, sind integraler Teil der Aufgaben des heutigen ÖGD. Neue fachliche und konzeptionelle Schwerpunkte der Arbeit des ÖGD sind die zielgruppenspezifische Prävention und Gesundheitsförderung.

Der Gesundheitsschutz ist auch immer noch ein brennendes Problem. Dabei verschieben sich aber die Zielgruppen. Die klassische Infektiologie hat heute mehr und mehr Einzug in die „normale“ Medizin gefunden. Es bleiben aber besonders depravierte Bevölkerungsgruppen sozusagen „übrig“, die dann auf Ihre Fürsorge und Ihren „aufsuchenden“ Gesundheits-Service angewiesen sind. Ich meine bestimmte Gruppen von Obdachlosen und Drogenabhängigen. Jan Leidel hat in seinem Festvortrag auf Ihrem letzten Kongress insgesamt 7 besonders zu berücksichtigende Bevölkerungsgruppen identifiziert. Ich will Sie Ihnen jetzt nicht aufzählen, Sie wissen wovon ich spreche.

Hier haben wir heftig um eine Einbindung des ÖGD auch in die therapeutischen Konzepte gerungen. In diesen Fällen wird ja zunehmend akzeptiert und teilweise gar gefordert, dass auch der ÖGD eben in subsidiärer Weise Versorgungsaufgaben mit übernimmt. Das frühere „Behandlungsverbot“ ist gefallen, pragmatische Lösungen haben sich entwickelt. Bei Tuberkulose und sexuell übertragbaren Erkrankungen können die Gesundheitsämter  heute nach § 19 Infektionsschutzgesetz ambulante Behandlungen durchführen. Der Streit um Zuständigkeiten und Monopole, den es mit den Vertretungen der niedergelassenen Ärzteschaft in der Vergangenheit gegeben hat, scheint gegenwärtig entspannt. Das mag auch mit dem hohen Aufwand für einen geringen Ertrag zu tun haben, den diese Menschen mit sich bringen oder mit dem abschreckenden Effekt, den solche Menschen in der Kommunikationszentrale der Praxen – dem Wartezimmer – entfalten mögen.

Aber nicht nur Obdachlose und Drogenabhängige stehen in Ihrem Fokus – auch Kinder. Waren früher zum Beispiel im Bereich der von Ihnen durchgeführten Untersuchungen in der Kinder- und Jugendlichenmedizin  akute Krankheiten im Vordergrund und körperliche Störungen, so sind es heute chronische Fehlentwicklungen und oft auch seelische Störungen.

Krankheiten, die auf Bewegungsmangel und falsche Ernährungsgewohnheiten zurückzuführen sind, werden heute als Gemeinschaftsaufgabe mit den niedergelassenen Kollegen erkannt und behandelt. Schwieriger, vielfältiger und komplexer sind aber die gehäuft auftretenden Störungen des Verhaltens und der Entwicklung. Ihnen liegen sehr oft  eben nicht körperliche, sondern soziogene Probleme zu Grunde. Armut der Eltern, schlechte Wohnverhältnisse, Minderheitenstatus, Instabilität der Familie und eingeschränkte Bildungschancen initiieren hier einen Teufelskreis, der dann am Ende nur wieder ins soziale Desaster führt.

Hier kommen Ihnen sicher wichtige Aufgaben in der Erkennung, in der Indikationsstellung zur Behandlung und in der Verlaufsbeobachtung zu, die heute noch nicht ausreichend wahrgenommen werden. Ich darf Jan Leidel zitieren: „Es wird eine der wichtigsten Aufgaben nicht nur des Öffentlichen Gesundheitsdienstes sein, diesen Kindern wieder eine Zukunftschance zu geben. Nicht nur angesichts des demographischen Wandels werden Kinder immer wichtiger, und es ist furchtbar zu sehen, wie wir sie in großer Zahl auf dem Altar gesellschaftlicher Fehlentwicklungen opfern."

Systematisch sind wir damit bei der Prävention angelangt. Sie ist nach wie vor Stiefkind unseres Gesundheitssystems. Ein Grund kann daran liegen, dass man in Prävention heute sehr viel investieren müsste, um dann in etwa 30 Jahren einen „return on investment“ zu erzielen. Heutige Präventionsstrategien der Krankenkassen und der Politik kranken aber oft daran, dass sie heute sparen wollen, statt zu investieren. Sie entspringen oft einer falschen ideologischen Grundhaltung. Einem naturbewussten, grün angehauchten Müslifreund brauche ich Prävention nicht nahezubringen. Der macht das längst von alleine. Aber sein Lebensgefühl passt nicht in die Wirklichkeit einer Gesellschaft, die eben das Recht, sich selbst zu schädigen, als Freiheitsgrad unseres Gemeinwesens definiert.

Und so kommt es dann, dass viele Botschaften der Prävention im Gegensatz zu den Freuden des Lebens stehen. Deren Effekte sind aber nur kollektiv messbar und nicht individuell  sicher. Wie heißt es so schön: „Wenn man alles befolgt, was einem die Ärzte raten, also das Rauchen lässt, das Trinken maßvoll gestaltet, die Ernährung nach gesundheitlichen Prinzipien umstellt, kann einem dennoch niemand garantieren, dass man deswegen länger lebt. Nur eins ist sicher: Das Leben kommt einem länger vor…..“

Prävention in den von Ihnen betreuten Gruppen der Gesellschaft sollte also nicht  mit den Krankenkassen um Gesundheitsförderungsangebote  konkurrieren. Es geht bei Ihnen ja auch nicht um Werbemaßnahmen zur Gewinnung attraktiver Mitglieder, sondern um Präventionsarbeit auf der oftmals „letzten Wiese der Gesellschaft“.  Nicht nur Verhaltensprävention, sondern auch Verhältnisprävention sind dabei Ihre Domäne.

Und dazu brauchen Sie Aufträge und Commitment Ihrer Auftraggeber, der Länder und Kommunen. Die zunehmende Verarmung der öffentlichen Haushalte stellt somit auch eine echte Gefahr für den öffentlichen Gesundheitsdienst dar. So wirken Wirtschafts- und Schuldenkrise tief in die Lebenswirklichkeit gerade sozial depravierter Schichten ein. Es sind nicht die Investmentbanker, die den ÖGD brauchen, sondern die Langzeitarbeitslosen, die „Hartzer“, die Drogenabhängigen, diejenigen, die irgend ein Politiker mal unter dem Begriff des „Prekariats“ zusammengefasst hat. Und sieht man, wie unsere Politik und Gesellschaft immer hemmungsloser ihre Gegenwart auf Kosten der Zukunft finanzieren, dann bekommt man Wut im Bauch über die Großzügigkeit, mit der man Milliardentransaktionen zur Rettung von Banken und betrügerisch bilanzierenden Staaten veranlasst und zeitgleich den Bedürftigen unser eigenen  Gesellschaft die kalte Schulter zeigt.

Das wird sich rächen. Je unsolidarischer eine Gesellschaft ist, je perspektivloser die Situation der „Unterschichten“ und je hoffnungsloser die Perspektiven der Jugend sind, desto egoistischer, aggressiver und gewalttätiger werden die Hoffnungslosen. Uns allen kommt daher beim Erhalt eines tragfähigen, allumfassenden und humanen Gesundheitssystems – als Teil des sozialen Friedenswerks dieser Gesellschaft – eine entscheidende Aufgabe zu.

Und deswegen gilt: Obwohl der Anteil der Beschäftigten im ÖGD, bezogen auf alle im Gesundheitswesen Beschäftigten unter einem Prozent liegt, ist dessen Dienstleistung nicht nur notwendig, sondern gewinnt an konzeptioneller und auch gesellschaftspolitischer Bedeutung („Armut macht krank“).

Dieses breite Spektrum der Dienstleistungen für den einzelnen Bürger und die Gesellschaft erfolgt im Wesentlichen in den Kreisen und kreisfreien Städten durch die Mitarbeiter der örtlichen Gesundheitsämter, oder – moderner -Gesundheitsfachdienste.

Dabei sind die kommunalen Arbeitgeber aufgefordert, nicht nur die kontinuierliche Qualifikation und Fortbildung der Beschäftigten sicherzustellen, sondern auch eine den Leistungen entsprechende adäquate Entlohnung zu gewährleisten. Dies geschieht durch das neue Tarifrecht nicht mehr. Es wird immer schwieriger, den öffentlichen Gesundheitsdienst mit qualifizierten Fachärzten neu zu besetzen, weil tarifrechtlich zwischen Klinikärzten und Ärzten im öffentlichen Dienst unterschieden wird. Die erforderliche Neu- und Nachbesetzung von Stellen im ÖGD ist zurzeit kaum möglich.

Im ÖGD werden erfahrene Ärzte benötigt. Neben der angezeigten Weiterbildung zum Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen ist eine vorher absolvierte Weiterbildung in einem klinischen Fachgebiet wünschenswert. Je nach Verwendung und Arbeitsschwerpunkt wird darüber hinaus oft erwartet, dass eine zusätzliche Schwerpunktweiterbildung erfolgt oder Zusatzbezeichnungen erworben werden (zum Beispiel Sozialmedizin, Umweltmedizin). Im öffentlichen Gesundheitswesen wird eine sehr hohe Kompetenz gefordert, ohne dass die Weiterbildung gesichert wäre oder die tarifliche Vergütung diesem Rechnung trägt. Daraus folgt, dass die im öffentlichen Gesundheitswesen schon zurzeit freien Stellen nicht oder nur mit unzureichend qualifizierten Ärzten besetzt werden können.

Der Bundesangestelltentarifvertrag (BAT) kannte den Unterschied  zwischen Klinikärzten und anderen Ärzten nicht. Der Wechsel aus der Klinik in den öffentlichen Dienst erfolgte ohne tarifrechtliche Nachteile. Die Wiederherstellung eines solchen einheitlichen Ärztetarifs ist aber dringend notwendig. Nur unter dieser Voraussetzung hat der öffentliche Gesundheitsdienst wieder eine Chance bei der Werbung um qualifizierte und leistungsfähige junge Ärztinnen und Ärzte.

Während die Klinikärzte in den letzten Jahren von den Tarifabschlüssen des Marburger Bundes mit VKA und TdL durchaus profitiert haben, verweigern die Arbeitgeber ihrem ärztlichen Personal im öffentlichen Gesundheitsdienst jegliche realitätsnahe Anpassung ihrer Einkommen. Absicht oder einstige tarifpolitische Nachlässigkeit bei den Tarifparteien des TVöD? An dieser Stelle ist die Wahrheit wohl kaum noch zu ermitteln. Fakt ist jedoch, dass die Messlatte für das Einkommen der Ärztinnen und Ärzte an Gesundheits- und Landratsämtern nicht das Krankenhaus, sondern das Rathaus ist. Es liegt auf der Hand, dass mit der Bezahlung eines Verwaltungsangestellten kaum noch ein qualifizierter Arzt den Weg in die Gesundheitsämter findet. Das gilt umso mehr, als sich zwischenzeitlich auch und gerade außerhalb der kurativen Tätigkeit zunehmend attraktive Arbeitsbedingungen für Mediziner finden.

Erschreckend an dieser Situation ist aber gerade, mit welcher Arroganz und Kurzsichtigkeit die öffentlichen Arbeitgeber die Nachwuchsgewinnung hintertreiben und damit die Funktionsfähigkeit des öffentlichen Gesundheitsdienstes gefährden. Gegenüber dem Marburger Bund zog sich die VKA in der Tarifrunde 2008 auf den formalistischen Standpunkt zurück, dass man an dieser Stelle nicht über den öffentlichen Gesundheitsdienst verhandeln könne, weil der dafür zuständige Ansprechpartner nicht mit am Tisch sitze. Der Ansprechpartner von dem da die Rede war, ist der Gruppenausschuss Verwaltung der VKA. Der Marburger Bund verhandelte aber eben mit dem Gruppenausschuss Krankenhäuser. Wohlgemerkt: Beide Gruppenausschüsse gehören zum selben Spitzenverband, ihre Mitglieder stammen aus den selben Arbeitgeberverbänden, hauptamtlicher Verhandlungsführer und Präsident sind personenidentisch.

In der jetzigen Situation ist völlig unklar, ob im Jahr 2010 eine Einbeziehung der Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst in den Geltungsbereich der Tarifverträge für Ärzte gelingen wird. Dabei trifft nicht etwa die Ärztegewerkschaft ein Verschulden, die nicht müde wird, so wurde mir berichtet- in jeder der Verhandlungsrunden erneut die Einbeziehung des ÖGD anzumahnen. Der substantielle Fortschritt bei den Einkommen der angestellten Ärzte in den Ämtern wird weiter mit dem Argument der klammen Kassen verhindert werden. 

Das Grundübel ist ein Tarifvertrag, der nicht auf die Erfordernisse einer modernen Gesundheitsversorgung abhebt, sondern öffentliche Verwaltung abbildet.  Der TVöD ist als Nachfolger des BAT im medizinischen Bereich gut gemeint, aber schlecht gemacht. Deswegen haben die Krankenhausärzte im Marburger Bund 2005 die Reißleine gezogen und eine eigene Tarifhoheit unabhängig von den großen Angestellten- und Beamtenorganisationen des Öffentlichen Dienstes erstritten. Ich will jetzt wirklich nicht nachkarten, aber es wäre an der Zeit zu überlegen, ob nicht auch die Ärzte im öffentlichen Dienst der Kommunen und Länder eine eigene Tarifhoheit brauchen? Und wenn schon – aufgrund der nötigen Tarifmächtigkeit - keine ganz eigenständige Durchsetzung der Interessen möglich ist, ob dann nicht die Anbindung an einen erfolgreichen ärztlichen Verband mehr Erfolg verspricht, als weitere Rollen im Hamsterrad der großen Gewerkschaften?

Lassen Sie mich dabei aber eines klarstellen – ich bin in diesen Fragen ja nicht ganz unerfahren – ohne Kampfbereitschaft, ohne Durchsetzungswillen, ja ohne Streik läuft da gar nichts. Wenn man dazu nicht auch bereit ist, braucht man gar nicht erst anzufangen. Und vor allem muss man sich darüber im Klaren sein: Es streikt auch kein Anderer für Einen. Das muss man schon selbst erledigen.

Meine Damen und Herren, für Sie neigt sich jetzt ein arbeitsreicher Kongresstag dem Ende zu. Auch ich will Sie jetzt nicht länger behelligen. Ich weiß, welche Freude sich breit macht, wenn der Redner seine Ankündigung zum Schluss kommen zu wollen auch erkennbar in die Tat umsetzt.

Ich möchte Ihnen aber vorher noch einen Rat mit auf den Weg geben. Und zwar möchte ich den in ein Zitat von Georg Bernard Shaw kleiden.

Der rastlose Arbeitsmensch von heute hat tagsüber keine Zeit, sich Gedanken zu machen. Und abends ist er zu müde. Alles in allem hält er das für Glück!

Ich wünsche Ihnen, dass Sie zu diesem Glück hinzu heute Abend bei diesem schönen Wetter und in dieser schönen Stadt auch noch viel Freude haben werden. Lassen Sie die Medizin und den Öffentlichen Gesundheitsdienst mal ein wenig in den heiligen Hallen dieses Kongresses zurück, schwärmen Sie aus an Alster und Elbe, genießen Sie den Flair der Cabrio-Hauptstadt Deutschlands und beehren Sie uns bald wieder.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.